Neue Augustinus-Predigten werfen überraschendes Licht auf König Saul

Zwei Predigten des Kirchenvaters Augustinus von Hippo, die über viele Jahrhunderte unbekannt waren, sind in einer mittelalterlichen Handschrift wiederentdeckt worden. Die Texte behandeln nicht nur die rätselhafte Erscheinung des Propheten Samuel in 1. Samuel 28. Augustinus erwägt darin offenbar auch einen ungewöhnlichen Gedanken: König Saul könnte sich unmittelbar vor seinem Tod noch Gott zugewandt haben.

Ein alter Codex mit unbekannten Texten

Ausgangspunkt der Entdeckung war ein lateinischer Codex aus dem 12. Jahrhundert. Die Handschrift gehörte ursprünglich zum Zisterzienserkloster Doberan und wird heute in der polnischen Stadt Pelplin aufbewahrt.

Sie enthält sechs Predigten, die unter dem Namen Augustins überliefert wurden. Vier davon waren der Forschung bereits bekannt. Zwei ließen sich dagegen in keinem Verzeichnis seiner bisherigen Werke finden.

Der Würzburger Latinist Christian Tornau untersuchte die Texte gemeinsam mit weiteren Fachleuten. Dabei wurden Sprache, Stil, theologischer Inhalt und rhetorischer Aufbau mit gesicherten Werken Augustins verglichen. Eine Gruppe von mehr als zwanzig Latinisten kam 2025 nach gemeinsamer Prüfung zu dem Ergebnis, dass die Predigten echt sind.

Die Handschrift selbst ist zwar vergleichsweise jung. Wahrscheinlich geht sie jedoch auf eine ältere Sammlung aus dem 8. oder 9. Jahrhundert zurück. Ein historischer Bibliothekskatalog aus dem Kloster Amelungsborn nennt offenbar Texte mit denselben Überschriften und in derselben Reihenfolge. Die mögliche Vorlage ist nicht erhalten geblieben.

Die Totenbeschwörerin von Endor

Im Mittelpunkt der Predigten steht eine schwierige Erzählung des Alten Testaments.

König Saul sieht sich einem übermächtigen Heer der Philister gegenüber. Weil Gott ihm weder durch Träume noch durch Propheten antwortet, sucht er nachts eine Frau auf, die mit den Toten in Verbindung treten soll. Obwohl Saul solche Praktiken zuvor selbst verboten hatte, verlangt er von ihr, den verstorbenen Propheten Samuel heraufzurufen.

Daraufhin erscheint eine Gestalt, die im biblischen Bericht als Samuel bezeichnet wird. Sie kündigt Saul an, dass Israel die bevorstehende Schlacht verlieren werde und Saul gemeinsam mit seinen Söhnen sterben müsse.

Der Text erzeugt ein theologisches Problem: Wie kann eine verbotene Totenbeschwörung scheinbar erfolgreich sein? Hatte die Frau tatsächlich Macht über Samuel? Täuschte ein böser Geist dessen Erscheinung vor? Oder griff Gott selbst in das Geschehen ein?

Dämonische Täuschung oder wirklicher Samuel?

In der Auslegungsgeschichte wurden vor allem zwei Antworten vertreten.

Nach der ersten Erklärung erschien nicht Samuel, sondern ein Dämon, der dessen Gestalt angenommen hatte. Diese Deutung vermeidet die Vorstellung, eine Totenbeschwörerin könne einen verstorbenen Propheten Gottes kontrollieren.

Die zweite Erklärung nimmt den biblischen Bericht wörtlicher: Es war tatsächlich Samuel. Sein Erscheinen wäre dann aber nicht durch die Fähigkeiten der Frau bewirkt worden. Gott selbst hätte zugelassen, dass Samuel Saul ein letztes Mal das bevorstehende Gericht ankündigt.

Für die zweite Sicht spricht, dass der Bibeltext die Gestalt mehrfach als Samuel bezeichnet. Auch Jesus Sirach 46,20 erinnert daran, dass Samuel noch nach seinem Tod dem König dessen Ende angekündigt habe.

Augustinus kannte beide Auslegungen. Auch in früher bekannten Schriften äußerte er sich vorsichtig zu dieser Frage und scheint seine Beurteilung im Laufe seines Lebens weiterentwickelt zu haben.

Augustinus ließ seine Gemeinde mitdenken

Die beiden neu entdeckten Predigten wurden offenbar nicht am selben Tag gehalten.

Die erste Ansprache stammt von einem Sonntag. Augustinus stellte darin das Problem vor und erläuterte die möglichen Antworten, ohne sofort ein abschließendes Urteil zu sprechen. Erst am folgenden Mittwoch griff er das Thema erneut auf und wog die Erklärungen gegeneinander ab.

Damit gewährte er seiner Gemeinde bewusst Zeit, selbst über die Bibelstelle nachzudenken. Der Fund zeigt Augustinus nicht nur als theologischen Lehrer, sondern auch als Prediger, der die Unsicherheit schwieriger Texte offenlegte.

Er präsentierte verschiedene Möglichkeiten, benannte ihre Probleme und führte seine Zuhörer schrittweise durch die Argumentation. Für eine spätantike Gemeindepredigt ist dies ein aufschlussreicher Einblick in den damaligen Umgang mit kontroversen Fragen.

Wurde Saul am Ende gerettet?

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Gedanke, der in den Predigten offenbar zur Sprache kommt. Augustinus erwägt, dass Saul nach der Ankündigung seines Todes noch umgekehrt sein könnte.

Das wäre ungewöhnlich, da Saul in der christlichen Auslegung meist als abschreckendes Beispiel erscheint: Er widersetzt sich Gott, verfolgt David und sucht schließlich eine Totenbeschwörerin auf.

Nach Angaben Tornaus nimmt Augustinus dennoch ernst, dass Saul bereut und am Ende gerettet worden sein könnte. Eine solche Deutung sei weder für Augustinus noch für die frühchristliche Auslegung typisch.

Möglicherweise entwickelte Augustinus diese Vorstellung selbst. Denkbar ist aber auch ein Einfluss jüdischer Auslegungen, in denen Saul teilweise positiver beurteilt wurde.

Sollte sich diese Lesart in der vollständigen Edition bestätigen, wäre sie wohl der auffälligste neue Beitrag der Predigten. Augustinus würde Saul dann nicht allein als gescheiterten König betrachten, sondern als Menschen, für den selbst kurz vor dem Tod noch eine Umkehr möglich war.

Gericht und Gnade

Die Predigten verbinden damit zwei Themen, die im Denken Augustins eng zusammengehören: das gerechte Gericht Gottes und die Möglichkeit der Rettung aus Gnade.

Saul kann den Folgen seines bisherigen Handelns nicht mehr entkommen. Die Niederlage und sein Tod sind angekündigt. Dennoch bedeutet das nicht zwangsläufig, dass über sein ewiges Schicksal bereits endgültig entschieden wäre.

Eine solche Unterscheidung passt zu Augustins Gnadenlehre. Auch ein Mensch, dessen Leben von schwerer Schuld geprägt ist, wäre nicht allein aufgrund seiner Vergangenheit von Gottes Vergebung ausgeschlossen.

Allerdings ist noch Vorsicht geboten. Die vollständigen Predigttexte liegen bislang nicht in einer allgemein zugänglichen kritischen Ausgabe vor. Daher lässt sich noch nicht genau bestimmen, wie entschieden Augustinus diese Möglichkeit vertrat oder welche Argumente er dafür anführte.

Veröffentlichung für Ende 2026 angekündigt

Die wissenschaftliche Erstausgabe wird von Fachleuten des „Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum“ vorbereitet. Sie soll nach bisherigen Angaben gegen Ende 2026 erscheinen.

Erst dann können Forscher den vollständigen lateinischen Wortlaut, die Textüberlieferung und Augustins Argumentation im Einzelnen untersuchen.

Der Fund verändert keine grundlegende christliche Lehre. Er eröffnet jedoch einen neuen Blick auf Augustins Predigttätigkeit und auf seinen Umgang mit einer der schwierigsten Erzählungen des Alten Testaments. Besonders seine Überlegung zur möglichen Rettung Sauls könnte die weitere Forschung beschäftigen.

Verwendete Literatur und Berichte

  1. Julius-Maximilians-Universität Würzburg: Pressemitteilung zur Entdeckung, Echtheitsprüfung, Überlieferungsgeschichte und geplanten Edition der beiden Predigten. (Universität Würzburg)
  2. Jimmy Akin, Catholic Answers: Einordnung der Predigten im Zusammenhang mit 1. Samuel 28, früheren Aussagen Augustins und der möglichen Rettung Sauls. (Katholische Antworten)
  3. Biblische Primärtexte: 1. Samuel 28 sowie Jesus Sirach 46,19–20.
  4. Augustinus: De diversis quaestionibus ad Dulcitium („Acht Fragen des Dulcitius“), insbesondere die Ausführungen zur Erscheinung Samuels.

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