Eine alte Frage mit ungewöhnlicher Tiefe
Kinder stellen sie mit entwaffnender Direktheit: „Wenn Gott alles gemacht hat – Wer hat Gott erschaffen?“ Was zunächst wie eine naive Kinderfrage klingt, hat Philosophen und Theologen durch die Jahrhunderte beschäftigt. Denn hinter ihr verbirgt sich ein ernsthaftes erkenntnistheoretisches Problem: Wie lässt sich ein Anfang aller Dinge denken, ohne dass dieser Anfang selbst wieder einen Anfang benötigt?
Atheistische Gesprächspartner greifen die Frage gern als argumentative Waffe auf. Wenn Christen sagen, Gott habe das Universum erschaffen, liege die Gegenfrage nahe: Dann muss auch Gott eine Ursache haben – und so weiter, ins Unendliche. Die Schlussfolgerung lautet dann, der Schöpfungsglaube löse das Problem des Ursprungs gar nicht, sondern verschiebe es lediglich. Doch dieser Einwand übersieht etwas Wesentliches.
Was Ewigkeit bedeutet – und was nicht
Das christliche Bekenntnis lautet nicht, Gott sei ein besonders mächtiges Wesen innerhalb der Wirklichkeit, das irgendwann entstanden ist. Es lautet: Gott ist der Grund der Wirklichkeit selbst. Er steht nicht am Ende einer Kausalkette, sondern er ist der Grund dafür, dass es überhaupt Kausalketten gibt.
Der Theologe und Philosoph Paul Tillich hat diesen Gedanken in seiner Systematischen Theologie präzise formuliert: Gott ist nicht „ein Wesen neben anderen Wesen“, sondern der „Grund des Seins“ – dasjenige, ohne das nichts anderes existieren könnte. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Die Frage „Wer hat Gott erschaffen?“ setzt stillschweigend voraus, dass Gott dieselbe Art von Wesen ist wie ein Planet, ein Lebewesen oder ein Universum – ein Ding, das irgendwann begonnen hat zu existieren. Das aber ist nicht die theologische Behauptung.
Die Lutherbibel 2017 gibt Psalm 90,2 so wieder:
„Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Psalm 90,2; Lutherbibel 2017)
Dieser Vers beschreibt keine Zeitspanne, die sehr lang ist. Er beschreibt eine Seinsweise jenseits der Zeit. Ewigkeit im biblischen Sinne ist nicht eine unbegrenzt lange Dauer, sondern ein Modus des Seins, dem Vergänglichkeit und Entstehung wesensfremd sind.
Das philosophische Argument: Warum es ein notwendiges Wesen geben muss
Unabhängig von theologischen Quellen haben Philosophen aus verschiedenen Epochen argumentiert, dass es ein Wesen geben muss, das nicht von anderem abhängt. Aristoteles sprach vom „unbewegten Beweger“, Gottfried Wilhelm Leibniz vom „zureichenden Grund“ aller Dinge. Der Kern des Arguments lässt sich ohne Fachsprache so formulieren:
Alles, was wir beobachten, ist kontingent – es existiert, aber es könnte auch nicht existieren. Ein Stein hätte nicht entstehen müssen. Ein Mensch kommt zur Welt, weil eine Vielzahl von Bedingungen zusammentreffen, die alle selbst wiederum bedingt sind. Diese Kontingenz zieht sich durch die gesamte beobachtbare Wirklichkeit. Nun stellt sich die Frage: Kann eine Gesamtheit aus ausschließlich kontingenten Dingen selbsterklärend sein? Leibniz verneinte das, und zwar mit einem Argument, das noch heute in der analytischen Religionsphilosophie diskutiert wird: Wenn alles, was existiert, von etwas anderem abhängt, dann gibt es keinen letzten Halt, keine tragende Grundlage – und das Ganze bleibt ohne zureichende Erklärung.
Der Ausweg, den sowohl klassische Metaphysik als auch viele zeitgenössische Philosophen für vertretbar halten, ist die Annahme eines Wesens, das notwendigerweise existiert – dessen Nichtexistenz also nicht einmal denkbar ist. Dieses notwendige Wesen ist nicht einfach eine weitere Station in einer Ursachenkette. Es ist der Grund dafür, dass es überhaupt eine Kette gibt.
Entscheidend ist dabei: Wer fragt, wer dieses notwendige Wesen erschaffen hat, hat den Begriff nicht verstanden. Ein notwendiges Wesen ist gerade dasjenige, das keinen Ursprung außer sich selbst hat – denn hätte es einen solchen Ursprung, wäre es kontingent und nicht notwendig.
Der Einwand des unendlichen Regresses – und warum er sich nicht löst
Der häufigste Gegenversuch lautet: Wenn das Universum einen Schöpfer braucht, braucht der Schöpfer ebenfalls einen Schöpfer, und so weiter. Dieses Argument wirkt auf den ersten Blick symmetrisch, ist es aber nicht. Denn die ursprüngliche Forderung lautete nicht, dass alles eine Ursache braucht – sondern dass alles Kontingente eine Ursache braucht. Wer nun Gott ebenfalls nach seiner Ursache befragt, setzt voraus, dass Gott kontingent ist. Das aber ist genau die Frage, die zur Diskussion steht.
Ein echter infiniter Regress – eine unendlich lange Kette von Ursachen ohne ersten Anfang – löst das Problem zudem nicht, sondern beschreibt es nur anders. Denn auch in einem solchen Regress würde nichts erklärt, warum es die Kette überhaupt gibt und nicht vielmehr gar nichts. Die Forderung nach einem nicht-kontingenten Grund bleibt bestehen, gleich wie lang man die Kette zieht.
Der Philosoph und Mathematiker Georg Cantor, der sich intensiv mit dem Begriff des Unendlichen beschäftigt hat, unterschied zwischen dem „aktualen Unendlichen“ als mathematischem Konzept und der Frage, ob eine tatsächlich realisierte unendliche Kausalkette in der Wirklichkeit existieren kann. Viele Philosophen halten Letzteres für problematisch – nicht weil Unendlichkeit mathematisch undenkbar wäre, sondern weil eine unendliche Kette ohne Anfang keine aktuale, wirkende Ursachenkraft besäße.
Gott als Schöpfer – und was das über uns sagt
Die Frage nach dem Ursprung Gottes ist nicht nur eine akademische Übung. Sie hat Konsequenzen für das Selbstverständnis des Menschen. Wenn Gott der unerschaffene Grund aller Wirklichkeit ist, dann ist der Mensch nicht das Resultat eines blinden Zufalls, sondern ein Wesen, das von diesem Grund her gedacht und gewollt wurde.
Diese Überzeugung trägt theologisch erhebliches Gewicht. Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass die Schöpfung selbst auf ihren Ursprung verweist:
„Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, an seinen Werken gesehen.“ (Römer 1,20; Lutherbibel 2017)
Das bedeutet nicht, dass Naturwissenschaft und Theologie dasselbe beschreiben. Die Physik erklärt, wie das Universum sich entwickelt; die Frage nach dem Grund seiner Existenz überhaupt liegt jenseits ihrer Methodik. Beide Perspektiven beantworten unterschiedliche Fragen – und schließen einander deshalb nicht aus.
Für gläubige Menschen bedeutet die Überzeugung, dass Gott nicht erschaffen wurde, mehr als einen metaphysischen Satz. Sie bedeutet: Der Grund des Seins ist verlässlich. Er war vor aller Zeit und bleibt nach allem Ende. Das schafft eine Orientierung, die nicht von den Zufälligkeiten der Geschichte abhängt – eine Hoffnung, die sich nicht an Lebensumständen festmacht, sondern an dem, der die Umstände selbst trägt.
Warum die Frage dennoch bleibt
Es wäre unredlich, so zu tun, als ob alle philosophischen Schwierigkeiten mit dem Verweis auf notwendiges Sein vollständig aufgelöst wären. Der Begriff des „notwendigen Wesens“ ist selbst Gegenstand philosophischer Kontroversen. Immanuel Kant hat eingewandt, dass ontologische Argumente für Gottes Existenz den Fehler begehen, aus bloßen Begriffen auf Existenz zu schließen. Diese Kritik ist nicht einfach zu entkräften – und seriöse Theologie sollte sie nicht ignorieren.
Was die philosophische Diskussion jedoch zeigt: Die Frage „Wer hat Gott erschaffen?“ ist kein schlagkräftiges Argument gegen den Glauben. Sie beruht auf einer Voraussetzung – dass Gott ein kontingentes Wesen sei –, die gerade das Gegenteil dessen ist, was die christliche Theologie behauptet. Die stärkere Gegenfrage lautet vielmehr: Wie lässt sich Existenz überhaupt erklären, wenn man einen notwendigen Grund ausschließt?
Darauf haben auch atheistische Philosophen noch keine allgemein befriedigende Antwort gefunden. Das macht den Glauben nicht automatisch wahr – aber es zeigt, dass er keine intellektuelle Flucht vor schwierigen Fragen ist, sondern eine unter mehreren ernst zu nehmenden Positionen innerhalb eines unabgeschlossenen Gesprächs.
Quellen und weiterführende Literatur
Wissenschaftliche und philosophische Literatur
- Leibniz, Gottfried Wilhelm: Principes de la Nature et de la Grâce fondés en raison, 1714. Dt. Ausgabe: Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade, hrsg. von Herbert Herring, Meiner Verlag, Hamburg 1982.
- Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, 1781/1787. Ausgabe: Meiner Verlag, Hamburg 1998.
- Craig, William Lane / Moreland, J. P.: Philosophical Foundations for a Christian Worldview, InterVarsity Press, Downers Grove 2003.
- Swinburne, Richard: The Existence of God, 2. Aufl., Oxford University Press, Oxford 2004.
Theologische und religionswissenschaftliche Literatur
- Tillich, Paul: Systematische Theologie, Bd. 1, Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1956.
- Thomas von Aquin: Summa Theologiae, Prima Pars, Q. 2–3. Dt. Ausgabe: Die Summe der Theologie, hrsg. von Joseph Bernhart, Kröner Verlag, Stuttgart 1985.
- McGrath, Alister E.: Der Fingerabdruck Gottes. Die Natur als Spur des Schöpfers, Brendow Verlag, Moers 2002.
Bibelstellen
- Psalm 90,2 (Lutherbibel 2017)
- Römer 1,20 (Lutherbibel 2017)



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